
Infrastruktur im Zirkularitätscheck
Madaster Anwendungfälle
Infrastruktur im Zirkularitätscheck: Wo Materialdaten künftig den Unterschied machen
Wie zirkulär ist unsere Infrastruktur heute und wo kann ein digitales Materialkataster konkret ansetzen? Dieser Frage widmete sich der Workshop „Infrastruktur im Zirkularitätscheck“ unter der Leitung von Isabelle Armani, Head of Infrastructure and Manufacturers bei Madaster Germany. Im Mittelpunkt standen unterschiedliche Infrastrukturtypen, ihre Besonderheiten im Vergleich zum Hochbau und die Frage, welche Rolle Materialdokumentation für Rückbau, Instandhaltung und Kreislauffähigkeit spielen kann.
Wusstest Du schon…?!
Zum Einstieg arbeiteten die Teilnehmenden mit Schätzfragen. 52 Prozent des deutschen Abfallaufkommens entfallen auf Bau- und Abbruchabfälle. Die Verwertungsquote mineralischer Abfälle liegt zwar bei rund 90 Prozent, doch diese Zahl muss differenziert betrachtet werden: Auch Verfüllungen zählen dazu. Im Sinne einer hochwertigen Kreislaufwirtschaft bedeutet Verwertung also nicht automatisch, dass Materialien gleichwertig wieder eingesetzt werden.
Auch der Anteil zirkulär verwendeter Materialien bleibt niedrig. In der EU liegt er bei nur rund 12 Prozent. Selbst Gebäude mit hohem Holzanteil erreichen keine vollständige Zirkularität, da Kaskadennutzungen häufig mit der energetischen Verwertung enden. Aus der Madaster Praxis wurde deutlich: Überdurchschnittliche Zirkularitätswerte von Gebäuden beginnen bereits weit unter 50 Prozent.
Infrastruktur ist vielfältiger als gedacht
Im nächsten Schritt sammelten und clusterten die Teilnehmenden verschiedene Infrastrukturtypen: Brücken, Straßen, Plätze, Netze, Kraftwerke und viele weitere. Schnell wurde deutlich, dass Infrastruktur im Alltag oft unsichtbar bleibt, solange sie funktioniert. Ihre Relevanz tritt meist erst dann in den Vordergrund, wenn Schäden auftreten, Versorgungsnetze ausfallen oder Bauwerke nicht mehr nutzbar sind.
Gleichzeitig unterscheidet sich Infrastruktur deutlich vom Hochbau. Öffentliche Beschaffung, lange Lebensdauern, komplexe Finanzierungsmechanismen, funktionale Ausschreibungen, schwierige Zugänglichkeit und lückenhafte Dokumentation prägen viele Projekte. Besonders deutlich wurde ein strukturelles Problem: Materialwerte spielen in der Finanzierung und Bewertung von Infrastrukturbauwerken bislang kaum eine Rolle. Der Lebenszyklus endet in der Betrachtung häufig vor Rückbau, Wiederverwendung oder Recycling.
Warum Dokumentation entscheidend ist
Ein zentrales Thema des Workshops war die Frage, in welchen Infrastrukturbereichen ein Materialkataster besonders wirksam wäre. Der Ausgangspunkt war klar: Fehlendes Wissen über verbaute Materialien, Leitungen, Bauteile oder Schadstoffe kann erhebliche Folgen haben. Infrastruktur ist auf verlässliche Informationen angewiesen, nicht erst im Rückbau, sondern bereits in Betrieb, Instandhaltung und Sanierung.
Interessant war der Vergleich unterschiedlicher Bereiche. Bei Windenergieanlagen ist die Datenlage häufig gut: Typinformationen sind am Sockel erkennbar oder öffentlich verfügbar, teilweise lassen sich daraus Rückschlüsse auf Fundamente ziehen. Bei Brücken hingegen besteht ein großes Defizit. Gerade in Nordrhein-Westfalen und perspektivisch auch in weiteren Bundesländern wird der Sanierungs- und Rückbaubedarf deutlich steigen. Gleichzeitig sind Brückengutachten technisch anspruchsvoll, da Bauteile schwer zugänglich sind und die Verantwortung hoch ist.
Die Brücke als greifbares Beispiel
Um die Diskussion praktisch zu machen, bauten die Teilnehmenden eine Brücke aus Duplo-Steinen. Die Übung machte sichtbar, welche Informationen für Bau, Nutzung und Rückbau relevant sind. Beim Rückbau von Brücken spielen beispielsweise Zugänglichkeit, Schadstoffe, Trennbarkeit und Rückbauverfahren eine zentrale Rolle. Auch Sprengungen wurden diskutiert: Sie können Bauteile lösen, führen aber häufig zu Haufwerken, die nicht sortenrein sind.
Ein digitaler Brückenpass könnte hier konkrete Mehrwerte schaffen. Er würde die Massenermittlung und Rückbaukalkulation erleichtern, Informationen zu Materialien und Schadstoffen bündeln und damit bessere Entscheidungen zur Wiederverwendung oder zum Recycling ermöglichen. Je genauer bekannt ist, was verbaut wurde, desto gezielter können Rückbauprozesse geplant und Stoffströme hochwertiger geführt werden.
Was Infrastruktur zirkulärer macht
In der Abschlussreflexion wurde deutlich: Zirkuläre Infrastruktur braucht mehr als einzelne technische Lösungen. Notwendig sind bessere Materialdaten, klare Anforderungen in Ausschreibungen, verlässliche Dokumentation über den gesamten Lebenszyklus und wirtschaftliche Anreize für hochwertige Verwertung. Auch CO₂-Preise, konsequente Umsetzung der EU-Taxonomie sowie Bonus-Malus-Systeme für Zirkularität und Emissionen wurden als mögliche Hebel diskutiert.
Der Workshop zeigte: Infrastruktur bietet enormes Potenzial für die Kreislaufwirtschaft, wird bislang aber noch zu selten aus Materialperspektive betrachtet. Ein Materialkataster kann dabei helfen, dieses Potenzial sichtbar und nutzbar zu machen. Es verbindet Bestandswissen mit Rückbauplanung, Instandhaltung, Klimaschutz und Ressourcensicherung. Damit wird Infrastruktur nicht nur als funktionales Bauwerk verstanden, sondern als langfristiger Material- und Wertspeicher.
Unsere Referentin
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Isabelle Armani
Head of Infrastructure and Manufacturers Madaster Germany