
Vom digitalen Bestand zum Rückbaukonzept
Die nächsten Schritte im Patrick Henry Village
Ziel und Kontext des Workshops
Heidelberg integriert die Kreislaufwirtschaft eng in Stadtentwicklung und im Städtebau. Deshalb setzt die Stadt konsequent auf das Thema Urban Mining. Dies soll auch auf die amerikanische Wohnsiedlung – das Patrick Henry Village (PHV) – angewendet werden. Es liegt seit 2014 brach und soll zirkulär rückgebaut werden, um zukünftig Platz für 4.500 Wohnungen zu bieten.
Rückbau vorbereiten
2022 ging die Stadt einen damals noch sehr unkonventionellen Weg: Das PHV wurde mithilfe des Urban Mining Screeners, eines Madaster-Tools zur automatisierten Bestandserfassung, als erstes Quartier in Madaster dokumentiert.
Auf Basis der Ressourcenpässe ließen sich potenzielle Sekundärrohstoffe, anfallende Abfälle, benötigte Stoffe für die Sanierung und den Neubau oder frei werdende Flächen ableiten. Über das Projekt wurde ausführlich im Staatsanzeiger Baden-Württemberg berichtet. Ergänzt wurden die Daten durch eine detaillierte Bestandserfassung von CDMSmith.
Nun steht die Stadt kurz vor dem Ankauf der Flächen. Der Rückbau soll unmittelbar anschließen. Die Stadt Heidelberg hat dabei eine besondere Ausgangslage: Sie verfügt über mögliche Lagerflächen, entwickelt weitere Bauprojekte in der Region und tritt selbst als Bauherrin auf. Dadurch entstehen Chancen, Materialien nicht nur zu erfassen, sondern regional wieder in Bauvorhaben einzubinden.
Die Frage ist nun, wie man von den Bestandsdaten zu einer belastbaren Ausschreibung für den zirkulären Rückbau kommt und sicherstellt, die Wiederverwendung mindestens gleicher Güte zu erzielen und dabei auch die jeweils effizientesten Lösungen zu bevorzugen?
Rückbau und Wiedereinbau gemeinsam denken
Ein zentrales Learning des Workshops war: Rückbau, Wiederverwendung und Recycling dürfen nicht getrennt betrachtet werden. Ob ein Material wiederverwendet werden kann, hängt nicht allein von seiner Rückbaubarkeit ab, sondern auch vom späteren Einsatzzweck, der Qualität, der Sortenreinheit und der Logistik.
Deshalb muss früh geklärt werden, was mit den Materialien nach dem Ausbau passieren soll. Nur dann lassen sich passende Anforderungen an Rückbau, Lagerung, Prüfung und Aufbereitung definieren. Wo möglich, sollte die Wiederverwendung Vorrang vor dem Recycling haben.
Materialien mit unterschiedlichen Potenzialen
Im Workshop wurden verschiedene Materialgruppen betrachtet, darunter Ziegel, Holz, Flachglas, Keramik, Terrazzo und Kalksandstein. Besonders Ziegel wurden als grundsätzlich gut rückbaubar und vielseitig wiedereinsetzbar eingeschätzt. Je nach Baujahr, Mörtelart und Zustand kommen unterschiedliche Wege infrage, etwa der Wiedereinbau vor Ort, die Aufbereitung oder die Rückführung in Produktionsprozesse.
Auch bei Holz, Glas und Terrazzo wurden konkrete Potenziale sichtbar. Gleichzeitig zeigte sich, dass viele Verwertungswege von geeigneten Partnern, klaren Qualitätsanforderungen und einer sortenreinen Trennung abhängen. Gerade bei Flachglas ist diese Trennung entscheidend, um hochwertige Kreisläufe zu ermöglichen.
Partner und Ausschreibung frühzeitig vorbereiten
Für die nächste Projektphase ist die frühzeitige Einbindung von Rückbau- und Abbruchunternehmen zentral. Sie können einschätzen, welche Materialien unter realen Baustellenbedingungen selektiv ausgebaut werden können, welche Aufwände entstehen und welche Anforderungen in Ausschreibungen realistisch sind.
Diskutiert wurde auch, ob der Rückbau gewerkeweise oder über einen Generalunternehmer vergeben werden sollte. Ein möglicher nächster Schritt könnte ein Testprojekt mit ausgewählten Gebäuden sein, um Rückbauprozesse, Materialqualitäten und Verwertungswege praktisch zu erproben.
Regionalität als Schlüssel zur Wirkung
Wiederverwendung ist besonders dann sinnvoll, wenn Materialien regional gelagert, aufbereitet und wieder eingebaut werden können. Lange Transportwege können ökologische Vorteile reduzieren, insbesondere bei schweren oder voluminösen Baustoffen.
Das Patrick Henry Village bietet hier besondere Voraussetzungen. Durch die Größe des Areals, vorhandene Lageroptionen, regionale Neubauprojekte und die Rolle der Stadt Heidelberg kann aus der digitalen Bestandserfassung ein konkreter Beitrag zur zirkulären Stadtentwicklung entstehen. Der Workshop hat gezeigt: Zirkulärer Rückbau beginnt nicht auf der Baustelle, sondern mit einer klaren Strategie für die vorhandenen Ressourcen.
Unsere Referentinnen
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Carla Jung-König
Mitarbeiterin Stadtplanungsamt Heidelberg / Projektteam Patrick-Henry-Village (PHV)
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Anna Kracher
Product Manager Madaster Germany