Schritte zum Gebäudetyp E

Gebäudetyp E: Eine Allianz aus Einfachheit, Effizienz und Zukunftsfähigkeit 

Einordnung ins Thema: Wohnraummangel als gesellschaftlicher Sprengstoff 

Deutschland steht vor einer dramatischen Herausforderung: Es fehlen rund 550.000 Wohneinheiten – Menschen suchen bezahlbaren Wohnraum, ohne ihn zu finden. Dieser Mangel birgt nicht nur sozialen, sondern auch politischen Sprengstoff. Vor diesem Hintergrund rückt der „Gebäudetyp E“ in den Fokus – ein Konzept, das für ein radikales Umdenken im Bauwesen steht. Das E steht für: einfacheffizientanders. Die Vision: durch serielle Bauweisen automatisch nachhaltig, kostengünstig und ressourcenschonend bauen – ohne dabei die Anforderungen an Qualität und Lebenszyklus zu vernachlässigen. 

Impuls von Christoph van Treeck (RWTH Aachen): Vom Bau zur Produktion 

Prof. Christoph van Treeck betonte in seinem Vortrag den notwendigen Paradigmenwechsel von der herkömmlichen Baustelle hin zu einer industriellen Produktionsweise. Die Bauwirtschaft steht vor multiplen Herausforderungen – von Versorgungssicherheit über Wirtschaftlichkeit bis zur Umweltverträglichkeit. Zugleich eröffnen sich große Chancen durch Industrialisierung, Skalierbarkeit und innovative Baukonzepte. 

Er zog Parallelen zur Automobilindustrie: Dort hat sich seit Jahrzehnten ein System etabliert, bei dem spezialisierte Zulieferer Komponenten bereitstellen, die dann von einem Hersteller zu einem konfigurierbaren Serienprodukt zusammengesetzt werden. Kunden können aus verschiedenen Modulen wählen, ohne dass jedes Auto neu geplant werden muss. Im Gegensatz dazu bleibt das Bauwesen bei der Einzelfertigung – jedes Gebäude ein Unikat, jeder Ablauf individuell. Dabei durchlaufen beide Branchen im Grunde vergleichbare Prozesse – nur das Mindset unterscheidet sich grundlegend. 

Die Chance, bereits Anfang der 2000er-Jahre in eine großindustrielle Fertigteilproduktion im Bau einzusteigen, sei verpasst worden. Heute könne man jedoch mit innovativen Ansätzen – inspiriert von Beispielen wie Toyota Home – neue Standards setzen. 

Paneldiskussion: Praxisimpulse aus Industrie und Planung 

In der Panelrunde wurden konkrete Ideen vorgestellt, wie sich der Gebäudetyp E umsetzen lässt. Vertreter*innen aus verschiedenen Bereichen der Bau- und Gebäudetechnik zeigten, wie Bauelemente neu gedacht werden können: 

  • Dr. Roman (Kordtomeikel Schüco) stellte das Prinzip des Weglassens in den Vordergrund – etwa durch Verzicht auf bestimmte Fensterfunktionen wie die Kippmechanik, um Komplexität und Kosten zu reduzieren. 
  • Klaus Sommersdorf (Mitsubishi) betonte, dass nachhaltige Gebäudetechnik sowohl im Neubau als auch in der Sanierung durch skalierbare Wärmepumpensysteme möglich sei – unabhängig davon, ob es sich um 6 oder 60 Wohneinheiten handelt. Entscheidend sei ein Baukastensystem. 
  • Jan Böttcher (GIRA) sieht in intelligenter, effizienter Gebäudetechnik einen Schlüssel zur Zukunftsfähigkeit – einfach in der Anwendung, wirksam im Betrieb. 
  • Peter Theissing (KS-Original) hob die Vorteile von Kalksandstein hervor, insbesondere dessen Fähigkeit zur CO₂-Bindung und seine Eignung für schlanke, serielle Bauweisen. 

Diskussion mit dem Publikum: Mut zur neuen Einfachheit 

Im offenen Austausch wurde der Gebäudetyp E als „Schlüssel zur neuen Einfachheit“ identifiziert. Diese Einfachheit sei jedoch nicht gleichzusetzen mit banaler Standardisierung. Vielmehr brauche es prozessoptimiertes, modulares Bauen. Dafür werden mehr Generalist*innen gebraucht, die über Disziplinen hinweg denken. 

Wichtige Impulse aus der Diskussion: 

  • Anpassungsfähigkeit: Gebäude müssen künftige Risiken wie steigende Temperaturen antizipieren können – durch flexible Bauteile und nachrüstbare Smart-Home-Technologie. 
  • Serialität schafft Preissicherheit: Wenn Bauteile in Serie gefertigt und eingesetzt werden, entstehen verlässliche Kalkulationsgrundlagen – auch im sozialen Wohnungsbau. 
  • Normen als Innovationsbremse: Bestehende Regelwerke werden als „Angstkorsett“ empfunden. Eine neue Denkweise und mehr Vertrauen sind nötig. 
  • Kreislaufwirtschaft mitdenken: Serielles Bauen sollte nicht nur effizient, sondern auch zirkulär sein – was angebaut wird, sollte auch wieder abgebaut werden können. 
  • Soziale Aspekte: Günstiger Wohnraum darf kein Zufallsprodukt sein, sondern braucht gezielte Förderung. Barrierefreiheit und soziale Standards sind gesamtgesellschaftliche Aufgaben. 
  • Flächennutzung überdenken: Wohnfläche allein ist kein Qualitätsmerkmal. Un- oder fehlgenutzte Räume müssen intelligenter erschlossen werden. Wohnungswechsel – z. B. bei veränderten Lebenssituationen im Alter – sollten einfacher möglich sein. 
  • Nutzerorientierung durch Hausordnungen: In Gebäuden mit geringeren Komfortansprüchen kann durch klare Regeln im Mietverhältnis kommuniziert werden, was Bewohner*innen erwartet – und wie gemeinschaftliches Wohnen gelingen kann. 

Schlussplädoyers: Jetzt handeln 

Zum Abschluss formulierten die Teilnehmenden zentrale Handlungsimpulse: 

  • Mut haben, in unbekanntes Terrain vorzudringen, Dinge auszuprobieren, Graubereiche zu nutzen und Pilotprojekte zu starten. 
  • Transparenz schaffen – in der Planung, bei Produkten und im Prozess. 
  • Gesetze vereinfachen, nicht verkomplizieren. 
  • Gutes tun – und darüber sprechen. 
  • Als Industrienation investieren, um Vorreiter zu werden. 
  • Industrielle Prozesse nutzen, um Tempo und Effizienz zu erhöhen. 

Das Ziel: 400.000 neue Wohneinheiten pro Jahr. Das bedeutet: alle 80 Sekunden muss eine neue Wohnung fertiggestellt werden. Nur mit einem radikal anderen Bauansatz wie dem Gebäudetyp E kann dieses Ziel Realität werden. 

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